Regenbogenstreit in Baden-Württemberg

Es brodelt im Südwesten: Die grün-rote Landesregierung hat einen neuen Bildungsplan entworfen, der u.a. das Entstehen homophober Vorurteile in den Schulen verhindern sollte und für die Vielfalt möglicher Familienformen sensibilisieren will – und das fächerübergreifend, nicht nur in Biologie. Eigentlich kein großes Thema, sollte man meinen, willkommen im 21. Jahrhundert, lieber Bildungsplan. Aber…

…dann gibt es da einen Realschullehrer aus dem Schwarzwald, der diesen Bildungsplan nicht so toll findet und eine Gegenpetition startet, die (Stand 13.01.2013, 14:43 Uhr) 114.585 Unterstützer*innen gefunden hat. Nicht-heterosexuelle Lebensweisen werden als „Lebensstil“ mit „negativen Folgen“ dargestellt, die an der Schule doch bitte nicht als gleichwertig zur guten, alten Heterosexualität dargestellt werden sollen. Nachdem die erste Fassung der Petition von openpetition.de als diskriminierend abgelehnt wurde, hat man einige Formulierungen entschärft, der Geist der Petition ist jedoch klar: Die Schulen sollen, bitteschön, Heterosexualität weiterhin als das Maß aller Dinge darstellen, Sexualität findet nur im biologischen Sinne statt, und man soll die Sexualethik doch da lassen, wo sie hingehört: In den Familien. Die Lehrplanänderung wird umgedeutet zum Versuch, Kinder und Jugendliche zur Homosexualität zu bekehren und ohne jegliche ethische Leitlinie ins Erwachsenenalter zu entlassen. Man verwehrt sich gleichzeitig dagegen, irgendjemanden diskriminieren zu wollen und tut es dann eben doch (Parallelen zur Debatte um Thomas Hitzlsperger liegen auf der Hand). Die Bildungs-, Schul- und Hochschulreferent*innen der evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg äußern sich in genau diesem Duktus indirekt zur Petition:

„Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe.“

Genau diese Formulierung hat Antje Schrupp in ihrem wichtigen und fantastischen Kommentar „Balken im Auge“ wie folgt kommentiert:

Hooray, könnte man da aus queerer Sicht eigentlich jubeln. Ist das denn nicht genau das, was wir auch wollen? Dass Kinder nicht mehr vom ersten Tag an in blaue oder rosane Geschlechtsrollen hineinerzogen werden? Dass sie nicht mehr in Büchern und Lehrplänen mit einem einzigen als „normal“ behaupteten Lebensstil namens heterosexuelle Ehe indoktriniert werden? Dass Unterricht nicht mehr ideologisch darauf abzielt, irgendwelche angeblich „natürlichen Geschlechterordnungen“ zu stabilisieren? Ist denn nicht genau das die Absicht, die hinter dem neuen Bildungsplan steht? Zu verhindern, dass weiterhin – wie in den vergangenen Jahrhunderten, auch und gerade seitens der Kirchen – funktionalisierend, ideologisierend und indoktrinierend auf die Herausbildung der sexuellen Identität von Kindern eingewirkt wird?

Aber so, als queeres Manifest, ist die kirchliche Stellungnahme natürlich nicht gemeint. Was schön klingt, wenn man es im Wortlaut zitiert, wurde von den Medien sofort – und zu Recht – als Kritik am Bildungsplan aufgefasst. Denn mit dieser Wortwahl solidarisieren sich die Kirchen mit einer homophoben Petition, die derzeit von der „christlichen Basis“ in Baden Württemberg vorangetrieben wird – mit oberkrassesten Begründungen – und die den Bemühungen des Bildungsplanes – genau – Indoktrination und Ideologie unterstellt.

Und sorry, das ist unverschämt. Das ist eine arrogante Herablassung, die die Argumente der anderen noch nicht einmal wenigstens zur Kenntnis nehmen will. Da hilft es dann auch nicht, wenn sich die Stellungnahme im Schlusssatz von „Hetzportalen und diffamierenden Blogeinträgen“ distanziert. Denn in der Substanz hat sie sich die Sichtweise der Petition zu eigen gemacht.

Und dem haben wir dann auch nicht mehr viel hinzuzufügen. Wobei es noch viel zu sagen gäbe, so grundsätzlich, zum Verhältnis von Homosexualität, Normalität und Männern wie Norbert Blüm und Thomas Hitzlsperger – aber das hat uns die Berliner Zeitung abgenommen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es gibt seit ein paar Tagen eine Gegenpetition gegen die ursprüngliche Gegenpetition bei OpenPetition, deren Unterzeichnung wir nur begrüßen können (das selbe gilt natürlich für diese Campact-Aktion) – denn: wenn Schule nicht die gesellschaftliche, vielfältige Realität abbildet, sondern weiterhin ein heteronormativer Ort bleibt, werden nicht-heterosexuelle Liebe und Geschlechtsidentitäten jenseits von Mann und Frau weiterhin etwas sein, was als unnormal und abweichend empfunden wird – mit allen negativen Konsequenzen.

Edit: Auf Twitter findet die Diskussion übrigens unter dem Hashtag #idpet statt. Und ein Interview mit Nele Tabler, die sich leidenschaftlich und vorbildlich gegen die Gegenpetition wehrt, hat das Missy Magazin im Angebot.

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